Wenn Erwachsene an Lernen denken, denken sie oft an Schule. Für viele Kinder entsteht dadurch unbewusst dieselbe Verbindung:

Lernen = Schule

Das klingt zunächst harmlos. Tatsächlich kann diese Gleichsetzung aber problematisch werden. Denn Lernen beginnt lange vor der Schule – und es ist viel größer als Schule.

Kinder lernen, bevor sie wissen, was Schule ist

Ein Kind lernt schon in den ersten Lebensjahren unglaublich viel. Es lernt sprechen, laufen, Zusammenhänge erkennen, mit anderen Menschen umzugehen und sich in seiner Umwelt zurechtzufinden. Dafür braucht es weder Stundenpläne noch Klassenarbeiten.

Kinder lernen schon vor der Schule laufen, bauen, sich selbst anziehen und neue Wörter.

Kinder beobachten, probieren aus, machen Erfahrungen und ziehen ihre eigenen Schlüsse. Lernen ist zunächst etwas Natürliches und Selbstverständliches. Kaum ein Kleinkind muss motiviert werden, die Welt entdecken zu wollen.

Eigentlich erleben wir hier etwas sehr Interessantes: Kinder lernen ständig, ohne dass sie das Wort „Lernen“ überhaupt kennen oder darüber nachdenken.

Wenn Lernen mit Schule gleichgesetzt wird

Später kommen Kinder in die Schule und machen dort unterschiedliche Erfahrungen. Manche fühlen sich wohl, andere erleben Leistungsdruck, Überforderung oder Frustration. Das gehört nicht zwangsläufig zur Schule, kommt aber oft vor.

Problematisch wird es dann, wenn Kinder Lernen und Schule nicht mehr voneinander unterscheiden. Wer denkt: „Schule macht keinen Spaß“, kommt leicht zu dem Schluss: „Lernen macht keinen Spaß.“

Genervtes Kind im Klassenzimmer verbindet Schule mit Lernen.

Dabei sind das zwei völlig verschiedene Dinge. Schule ist ein Ort, an dem Lernen stattfinden soll. Lernen selbst findet überall statt.

Den natürlichen Lernwillen erhalten

Kinder kommen nicht mit einer Abneigung gegen Lernen zur Welt. Im Gegenteil: Sie sind neugierig, stellen Fragen und wollen die Welt verstehen. Deshalb ist es sinnvoll, den natürlichen Lernwillen von Kindern bewusst zu fördern und zu schützen.

Dabei geht es weniger darum, Kindern immer wieder zu sagen, wie wichtig Lernen ist. Viel hilfreicher ist es, ihnen Gelegenheiten zu geben, selbst Zusammenhänge zu entdecken. Wenn Ihr Kind beispielsweise etwas Spannendes beobachtet, können Fragen helfen wie:

  • „Was glaubst du, warum das so ist?“
  • „Wie könnten wir das herausfinden?“
  • „Was ist dir dabei aufgefallen?“
  • „Hast du so etwas schon einmal gesehen?“

Solche Fragen lenken die Aufmerksamkeit auf das Beobachten, Nachdenken und Verstehen – also auf die eigentlichen Grundlagen des Lernens. Kinder erleben dadurch:

  • Lernen bedeutet entdecken.
  • Lernen bedeutet verstehen.
  • Lernen bedeutet Zusammenhänge erkennen.

Und nicht nur:

  • Lernen bedeutet Schule.

Lernen auch als Lernen benennen

Ein weiterer Punkt wird oft übersehen: Viele Kinder lernen jeden Tag etwas Neues, ohne dass jemand es als Lernen bezeichnet. Wenn ein Kind zum ersten Mal allein eine Schleife bindet, einen Käfer entdeckt, eine Frage beantwortet oder einen Zusammenhang versteht, dann hat Lernen stattgefunden. Es kann deshalb hilfreich sein, solche Momente bewusst aufzugreifen. Zum Beispiel mit Sätzen wie:

  • „Super, das hast du toll gelernt.“
  • „Jetzt kannst du etwas, was du vorher noch nicht konntest.“
  • „Gut beobachtet.“
  • „Klasse, dass du das herausgefunden hast.“
Kind lernt Schuhe zu binden und wird von einem Erwachsenen ermutigt.

Dadurch entsteht beim Kind nach und nach eine positive Verbindung zum Begriff Lernen. Es erlebt Lernen als etwas Interessantes, Erfolgreiches und Wertvolles. Das ist besonders wichtig, bevor später möglicherweise Aussagen wie „Du musst lernen“ oder unangenehme Schulerfahrungen den Begriff negativ besetzen.

Je häufiger Kinder erleben, dass Lernen mit Entdecken, Verstehen und Erfolg verbunden ist, desto stabiler wird dieses positive Bild.

Früh zeigen, dass Lernen zum Leben gehört

Je früher Kinder verstehen, dass Lernen viel größer ist als Schule, desto besser. Wenn ein Kind Freude daran hat, etwas Neues herauszufinden, ein Problem zu lösen oder etwas zu verstehen, dann lernt es bereits – unabhängig davon, ob gerade Unterricht stattfindet oder nicht.

Eltern können diese Erfahrung immer wieder sichtbar machen. Zum Beispiel durch Fragen wie:

  • „Was hast du heute Neues entdeckt?“
  • „Was hast du heute verstanden, was du vorher noch nicht wusstest?“
  • „Was ist dir heute aufgefallen?“

So entsteht nach und nach ein anderes Bild: Schule ist ein Ort des Lernens. Lernen selbst findet überall statt.

Kind lernt in verschiedenen Alltagssituationen innerhalb und außerhalb der Schule.

Das kann später helfen, wenn Kinder in der Schule auf Schwierigkeiten oder Frustrationen stoßen. Denn wer Lernen nur mit Schule verbindet, verliert leichter die Freude daran. Wer dagegen versteht, dass Lernen zum Leben gehört, behält diese Freude oft deutlich länger.

Eine Grundlage für lebenslanges Lernen

Genau aus diesem Grund haben wir unsere neue Buchreihe entwickelt. Sie richtet sich an Kinder im Kindergarten- und Vorschulalter und vermittelt die Grundlagen des Beobachtens und Lernens auf einfache und kindgerechte Weise. Mit kurzen Sätzen und vielen Bildern erfahren Kinder, warum Beobachten wichtig ist, wie Lernen entsteht und wie beides zusammenhängt.

Die Bücher sollen Eltern und Kindern dabei helfen, schon früh ein positives und realistisches Verständnis von Lernen aufzubauen.

Denn Lernen beginnt nicht mit dem ersten Schultag.

Und es endet auch nicht mit dem letzten Zeugnis.

Es begleitet uns ein Leben lang.