„Ich will dir doch nur helfen!“ – Diesen Satz haben wahrscheinlich viele Eltern schon einmal gesagt oder zumindest gedacht. Das Kind kommt bei einer Aufgabe nicht weiter, macht immer wieder denselben Fehler oder scheint einen Zusammenhang nicht zu verstehen. Wir sehen das Problem, haben vielleicht sogar eine Lösung – und möchten helfen.
Doch statt unsere Hilfe anzunehmen, hört das Kind nicht zu, wird genervt oder sagt: „Weiß ich!“ Vielleicht erklären wir es trotzdem, versuchen es noch einmal anders und irgendwann sind beide Seiten frustriert.
Dabei wollten wir doch nur helfen.

Hilfe gehört eigentlich ganz selbstverständlich zum Lernen. Kinder können noch nicht alles wissen und können. Sie brauchen Menschen, die ihnen etwas zeigen, erklären und Erfahrungen mit ihnen teilen. Gleichzeitig möchten wir, dass sie mit der Zeit immer weniger auf unsere Unterstützung angewiesen sind. Sie sollen lernen zu beobachten, Schwierigkeiten selbst zu bewältigen, Entscheidungen zu treffen und eigene Lösungen zu finden.
Damit hat Hilfe ein interessantes Ziel: Wir helfen, damit unsere Hilfe irgendwann nicht mehr gebraucht wird.

Das gelingt aber nicht automatisch. Eine Aufgabe kann nach unserer Hilfe erledigt sein, ohne dass das Kind beim nächsten Mal selbst weiterkommt. Und manchmal wird unsere Hilfe sogar abgelehnt, obwohl sie aus unserer Sicht offensichtlich sinnvoll wäre.
Es lohnt sich deshalb, nicht nur darüber nachzudenken, wobei wir helfen, sondern auch darüber, wie wir es tun.
Hilfe muss angenommen werden können
Stellen Sie sich vor, Sie versuchen etwas Neues und jemand beobachtet Sie dabei. Nach kurzer Zeit sagt die Person: „Nein, so nicht. Du musst das anders machen.“ Vielleicht hat sie sogar recht. Trotzdem würden wir den Hinweis nicht unbedingt als Hilfe empfinden.
Kindern geht es nicht unbedingt anders. Wenn wir sehen, dass unser Kind Schwierigkeiten hat, greifen wir häufig sofort ein. Wir erklären, verbessern oder geben einen Ratschlag. Dabei haben wir noch gar nicht geklärt, ob das Kind unsere Hilfe in diesem Moment möchte.
Ein kleiner sprachlicher Unterschied kann deshalb viel verändern. Statt „Mach das doch so“ könnten wir fragen: „Ich habe eine Idee. Möchtest du sie hören?“ Statt ungefragt etwas vorzumachen: „Soll ich dir zeigen, wie ich es machen würde?“
Damit bleibt die Entscheidung zunächst beim Kind. Es kann unsere Hilfe annehmen, vielleicht aber auch sagen: „Nein, ich möchte es noch einmal selbst versuchen.“

Natürlich gibt es Situationen, in denen Erwachsene eingreifen und Verantwortung übernehmen müssen. Wenn wir Kindern beim Lernen helfen, gibt es aber viele Momente, in denen wir ihnen diesen Raum geben können. Und wenn unser Ziel Selbstständigkeit ist, ist es durchaus sinnvoll, dass ein Kind auch lernen darf, wann es selbst weiterprobieren und wann es Hilfe annehmen möchte.
Hilfe muss kein Ratschlag sein
Auch wenn Hilfe erwünscht ist, kommt es darauf an, wie wir sie geben.
„Du musst dich einfach besser konzentrieren.“
„Du liest die Aufgaben immer zu schnell.“
„Mach es doch einfach so.“
Solche Aussagen sind schnell gesagt. Sie enthalten aber häufig mehr als die Information, die wir eigentlich weitergeben wollten. Wir bewerten, verallgemeinern oder geben bereits vor, was das Kind tun soll.
Wir können stattdessen bei einer konkreten Situation und unserer eigenen Wahrnehmung bleiben. Statt „Du liest die Aufgaben immer zu schnell“ könnten wir beispielsweise sagen: „Ich habe gesehen, dass du nach dem ersten Satz angefangen hast zu rechnen. Was hältst du davon, zu schauen, ob im zweiten Satz noch wichtige Informationen stehen, die es dir einfacher machen?“
Wir schlagen etwas vor. Den nächsten Schritt muss das Kind nicht einfach auf unsere Anweisung hin ausführen, sondern kann selbst darüber nachdenken.
Manchmal können wir sogar ganz auf einen Ratschlag verzichten und stattdessen eine eigene Erfahrung erzählen. Vielleicht erinnern wir uns an eine Situation, in der wir selbst etwas nicht verstanden haben, mehrfach gescheitert sind oder jemanden um Hilfe bitten mussten.
Damit zeigen wir etwas, ohne uns als die Person darzustellen, die immer schon weiß, wie es richtig geht. Das Kind erfährt: Auch Erwachsene wissen Dinge nicht. Auch sie machen Fehler und brauchen Hilfe.

Wichtig ist nur, die Geschichte nicht anschließend doch noch in eine Belehrung zu verwandeln. Nach „Mir ging es einmal ähnlich …“ muss nicht zwangsläufig folgen: „Und deshalb musst du jetzt …“
Wir können eine Erfahrung auch einfach erzählen und dem Kind überlassen, was es daraus mitnimmt.
Hilfe soll Selbstständigkeit fördern
Schon an diesen beiden Punkten wird deutlich, warum gut gemeinte Hilfe manchmal nicht funktioniert. Es reicht nicht, die richtige Antwort zu kennen. Der andere muss bereit sein, unsere Hilfe anzunehmen, und auch die Art, wie wir sie anbieten, kann einen großen Unterschied machen.
Helfen ist deshalb ein umfangreicheres Thema, als es zunächst scheint. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, was wir eigentlich tun, wenn wir jemandem helfen – und was unsere Hilfe beim anderen bewirkt. Denn gerade beim Lernen möchten wir nicht nur eine Schwierigkeit für den Moment beseitigen, sondern Kinder dabei unterstützen, zunehmend selbst weiterzukommen.
Mit dem Thema Hilfe und den verschiedenen Seiten des Helfens beschäftigen wir uns deshalb auch in unserer aktuellen Videoreihe. Dort betrachten wir das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln und gehen auf einzelne Aspekte ausführlicher ein.
Denn das Ziel sollte nicht sein, jedes Problem möglichst schnell für ein Kind zu lösen. Gute Hilfe sollte dazu beitragen, dass es versteht, dazulernt und beim nächsten Mal ein Stück mehr selbst übernehmen kann.

