Die meisten Missverständnisse beginnen nicht mit Tatsachen. Sie beginnen mit Annahmen.

Jeden Tag treffen wir unzählige Annahmen – oft, ohne es überhaupt zu bemerken. Wir nehmen an, dass jemand verärgert ist, weil er uns nicht zurückgegrüßt hat. Wir glauben zu wissen, warum ein Kind schlechte Noten schreibt. Wir sind überzeugt, dass andere Menschen etwas Bestimmtes denken oder beabsichtigen. Dabei wissen wir es häufig gar nicht.

Unser Gehirn ergänzt fehlende Informationen automatisch. Das ist zunächst nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Ohne Annahmen könnten wir uns in einer unbekannten Welt kaum zurechtfinden.

Problematisch wird es erst dann, wenn wir unsere Annahmen mit der Wirklichkeit verwechseln.

Mutter sieht Wasserfleck, sofortige Annahme: von Kind verursacht

Was ist eigentlich eine Annahme?

Eine Annahme ist etwas, das wir für wahr halten, obwohl wir es nicht überprüft haben.

Oft merken wir gar nicht, dass wir eine Annahme treffen. Aus wenigen Beobachtungen entsteht in unserem Kopf eine Erklärung – und schon behandeln wir diese Erklärung wie eine Tatsache.

Dabei unterscheiden sich Beobachtungen und Annahmen grundlegend. 

Eine Beobachtung könnte sein: „Der Lehrer hat mein Kind heute nicht drangenommen.“

Eine Annahme wäre: „Der Lehrer mag mein Kind nicht.“

Zwischen beiden Aussagen liegt ein großer Unterschied. Die erste beschreibt etwas, das tatsächlich beobachtet wurde. Die zweite ergänzt eine Erklärung, ohne zu wissen, ob sie stimmt.

Unser Gehirn versucht ständig, Zusammenhänge zu erkennen. Das ist sinnvoll. Es hilft uns, schnell Entscheidungen zu treffen und mit neuen Situationen umzugehen. Wenn wir nicht annehmen würden, dass die Ampel morgen genauso funktioniert wie heute, wäre der Alltag sehr mühsam. Annahmen sind also grundsätzlich hilfreich. Sie werden erst dann zum Problem, wenn wir vergessen, dass es Annahmen sind.

Annahmen begegnen uns überall

Gerade beim Thema Lernen und Schule spielen Annahmen eine überraschend große Rolle. Eltern nehmen beispielsweise häufig an, dass Schule Kindern automatisch beibringt, wie Lernen funktioniert. Andere gehen selbstverständlich davon aus, dass das Schulsystem immer das Beste für jedes Kind im Blick hat. Lehrkräfte treffen Annahmen darüber, warum ein Kind ruhig oder unruhig ist. Kinder wiederum entwickeln Annahmen über sich selbst: „Ich bin einfach schlecht in Mathe.“ oder „Die Lehrerin mag mich nicht.“

Kind mit Annahme über Mathe

Aus solchen Annahmen entstehen Erwartungen. Und Erwartungen beeinflussen wiederum unser Verhalten. Wer überzeugt ist, etwas ohnehin nicht zu können, probiert oft weniger aus. Wer glaubt, dass jemand gegen ihn ist, reagiert schneller verletzt oder wütend.

Ob die ursprüngliche Annahme überhaupt stimmt, wird häufig gar nicht mehr überprüft.

Annahmen können unser Leben steuern

Das Erstaunliche ist: Nicht die Wirklichkeit beeinflusst unser Verhalten am stärksten. Sondern das Bild, das wir von der Wirklichkeit haben.

Wenn dieses Bild auf ungeprüften Annahmen beruht, ziehen wir möglicherweise falsche Schlussfolgerungen. Manchmal entstehen daraus Enttäuschungen. Manchmal Konflikte. Manchmal begrenzen wir uns selbst.

Deshalb lohnt es sich immer wieder zu fragen: 

  • Woher weiß ich eigentlich, dass das stimmt?
  • Habe ich es wirklich beobachtet?
  • Oder nehme ich es nur an?

Wie wir Annahmen überprüfen können

Zum Glück gibt es einen einfachen Weg, Annahmen zu hinterfragen. Er beginnt mit drei Schritten:

  1. Beobachten.
  2. Nachfragen.
  3. Verstehen.

Je genauer wir beobachten, desto weniger müssen wir ergänzen. Je häufiger wir nachfragen, desto seltener entstehen Missverständnisse. Und je besser wir andere verstehen, desto eher erkennen wir, dass viele Menschen aus guten Gründen anders denken oder handeln als wir selbst.

Nicht jede Annahme ist falsch. Aber jede Annahme sollte als das erkannt werden, was sie ist: eine Vermutung. Keine Tatsache.

Mehr zum Thema

Dieses Thema ist so wichtig, dass wir ihm eine ganze Reihe von Videos widmen. Darin geht es unter anderem um:

  • Annahmen von Eltern über Schule 
  • Annahmen von Lehrkräften 
  • Annahmen von Schülerinnen und Schülern 
  • und darum, wie Annahmen unser Lernen, Denken und Zusammenleben beeinflussen können. 

Wenn Sie lernen möchten, Annahmen bewusster zu erkennen und zu hinterfragen, finden Sie dort viele weitere Beispiele und praktische Anregungen.

Auch unsere „Nie wieder pauken!“-Bücher greifen dieses Thema kindgerecht auf. Sie helfen Kindern dabei, Beobachtungen von Annahmen zu unterscheiden, genauer hinzusehen und selbstständig zu denken.

Denn vielleicht beginnt gutes Lernen mit einer ganz einfachen Frage: „Woher weiß ich eigentlich, dass das stimmt?“